Geschichten/Weisheiten

4. Eine Reise ins Land der Lebensgeheimnisse 

 

"Ein Märchen für Erwachsene ...

aber natürlich auch für Kinder" 

 

 

 

 

Eine Reise ins Land er Lebensgeheimnisse - Teil 1

 

Die große Bahnhofsuhr zeigt eine Minute vor Mitternacht ... die Bahnhofsdurchsage sagt den nächsten Zug nach irgendwo an ... der Fahrkartenautomat spuckt ratternd Fahrschein Nummer 1000undirgendwas aus. Die Bahnhofsuhr zeigt ohne Unterlass die aktuelle Zeit. Der schöne große Baum auf dem Bahnhofsvorplatz steht immer noch an der gleichen Stelle.

 

Ein Tag, wie es schon so viele vor ihm gab. In der Krone des Baumes schlafen wie je-de Nacht die Baumvögel; etwas weiter unten im Geäst hatte sich die Baumkatze zum Schlafen zusammengerollt.

 

Der Baum wusste, dass es seine Bestimmung war, zu wachsen. Irgendwie schaffte er es auch immer wieder, neue Ästchen und Blättchen zu bilden. Es kostete ihn jedoch immer mehr Anstrengung. Auch beunruhigte es ihn, dass er immer öfter ein gelbes Blatt auf den Boden schweben sah.

Anfangs war es nur ein vages Gefühl und er konnte es noch gut verdrängen. Mit der Zeit jedoch spürte er immer deutlicher, dass irgendetwas in seinem Wurzelwerk nicht in Ordnung war. "Vielleicht ist es ja nur ein Regenwurm, der sich zwischen mei-nen Wurzeln zusammengerollt hatte", dachte der Baum und versuchte, sich zu beru-higen. Im Laufe der Zeit jedoch wurde es zur Gewissheit: auch wenn er es nicht se-hen konnte, war da etwas an seinen Wurzeln, dass seine Blätter nicht mehr wachsen ließ.

 

Der Bahnhofsbaum jedoch hatte nicht gelernt, sich mit seinen Wurzeln auszutau-schen und so war er ratlos und traurig und wusste nicht, was in dieser Situation zu tun ist.

Auch fiel ihm auf, dass seine Baumvögel nicht so weit flogen, wie die Baumvögel der anderen Bäume sondern immer wieder schnell in das schützende Laub seiner Krone zurückkehrten.

Auch die Baumkatze war nicht  so mutig wie andere Katzen auf ihren nächtlichen Streitzügen. So kam sie immer wieder sehr schnell zurück, rollte sich auf ihrem Stammplatz zusammen, um ihren Traum der Welt, voller Abenteuer und dicker fetter Mäuse zu träumen ...

Die Vögel im oberen Stockwert träumten ihren Traum vom Fliegen, hoch über den Wolken, in denen nur das Fliegen ohne Begrenzung zählt und auch wenn sie in eine Windboe gerieten, bekamen sie keine Angst. Im Gegenteil es machte ihnen nur um-so mehr Freude, ihre Fähigkeiten und und Flugkünste mit dem Tanz des Sturms zu messen ...

 

Aber es war eben doch nur ein Traum ...

 

Der Zeiger der Bahnhofsuhr sprang eine Minute weiter - es war Mitternacht und ru-hig geworden im Bahnhof und um den Bahnhof herum. Die letzten Fahrgäste sind angekommen bzw. auf die Reise gegangen. Der Fahrkartenautomat hat seine letzte Fahrkarte ausgespuckt. Und die Bahnhofsansage ihre letzte Durchsage gemacht.

Auch der Bahnhofsbaum hatte sich auf eine ruhige Nacht eingestellt, als sich zu sei-ner großen Überraschung die Bahnhofsansage noch einmal mit einer Durchsage zu Wort meldete:

 

"Vorsicht an der Bahnsteigkante! Einfahrt des Zuges der Wünsche aus dem Regen-bogenland in das Land der Lebensgeheimnisse in etwa 5 Minuten. Bitte beeilen Sie sich mit dem Einsteigen, der Zug fährt gleich weiter!"

 

Der Bahnhofsbaum hatte ganz interessiert zugehört und spürte ein großes Verlan-gen eine Reise ins Land der Lebensgeheimnisse zu unternehmen.

 

Aber, so dachte der Baum, meine Bestimmung ist es, hier an diesem Ort stehen zu bleiben. Eine innere Stimme jedoch flüsterte in seinem Blattwerk: "Woher willst du das wissen? Hast du es schon einmal versucht?" "Stimmt" ..., sagte sich der Baum. "Ich habe es wirklich noch nicht versucht von hier wegzugehen. Ich sollte es auspro-bieren und schauen, was passiert." Er zerrte und ruckte an seinen Wurzeln, es knir-schte und ächtzte ... hatte er sich getäuscht oder hatten die Wurzeln in der Erde schon ein wenig an Halt verloren?

 

Schon wollte er es noch einmal versuchen, da zirpten und piepsten Stimmen in sei-nem Blattwerk: "Baum, du großer schöner Baum, überlege gut, was du tust. Wenn du hier stehen bleibst, weißt du, was du hast. Du weißt jedoch nicht, was du be-kommst, wenn du diesen Platz und die Sicherheit verlässt, die bisher dein Leben ausmachte." Auch die Baumkatze reckte sich schläfrig und sagte: "Hey, Bahnhofs-baum, was soll das Geschaukele und Gezerre, lass uns bleiben, wo wir sind. Hier weiß ich wenigsten, wo ich meine Abendmaus herbekomme und du hast sicheren Grund an den Wurzeln. Du weißt nicht, was kommt. Vielleicht ist es besser, du er-fährst nie, was an deinen Wurzeln nagt. Lass deine Wurzeln wo sie sind, tief in der Erde verankert!"

 

Da meldete sich noch einmal die Bahnhofsansage mit einer Durchsage zu Wort. "Letzter Aufruf für die Fahrt mit dem Zug der Wünsche, alles einsteigen, der Zug fährt in einer Minute ab."

 

Nun nahm der Baum allen Mut und alle Kraft zusammen und hatte den größten Teil seiner Wurzeln mit einem Ruck aus der Erde befreit... so eilte er nun auf den Bahn-steig, um den wartenden Zug nicht zu verpassen ...

 

Teil 2

 

Der Wille des Bahnhofsbaumes, den Zug der Wünsche nicht zu verpassen, war so groß, dass er nicht einmal bemerkte, dass er einen Teil seiner Wurzeln im Erdreich zurücklassen musste. Er verspürte keinen Schmerz, wurde nur getrieben von dem mittlerweile alles bestimmenden Bedürfnis, den Zug der Wünsche nicht zu verpas-sen. Tief in seinem Inneren spürte er, dass er diese Chance nicht verstreichen lassen durfte.

 

In letzter Sekunde - zeitgleich mit dem Signal zur Abfahrt - erreichte der Bahnhofs-baum den Bahnsteig, auf dem der Zug der Wünsche auf sein Abfahrtsignal wartete. Sofort eilte der Baum auf den ihm am nächsten stehenden Wagen zu. Der Schaffner jedoch hinderte ihn am Einsteigen und schickte ihn fort mit den Worten: "Wo kom-men wir denn da hin, wenn sich jeder aussuchen könnte, in welchem Wagen er seine Reise beginnt, das gäbe aber ein feines Durcheinander. Das ist ein Verhalten, dass ich von den Menschen nur zu gut kenne, den 2. oder gar den 3. oder 4. Schritt vor dem 1. gehen zu wollen. Hier jedoch herrschen andere Regeln. Du kannst die Fahrt mit dem Zug der Wünsche nur im 1. Wagen beginnen oder du wirst bleiben wo du bist."

 

Der Bahnhofsbaum verstand wohl nicht, was der Schaffner mit, den 2. oder 3. Schritt vor dem 1. zu Gehen meinte, denn er war froh, überhaupt von der Stelle gekommen zu sein. Er spürte jedoch auch, dass jetzt nicht die Zeit für Fragen war und eilte an den Anfang des Zuges, stieg ein und der Zug setzte sich langsam in Bewegung ...

 

Im 1. Waggon war es so dunkel, dass der Bahnhofsbaum die mitreisenden Passagie-re nur vage erkennen konnte. Da er nun ganz auf sich alleine gestellt war, die Baum-vögel und die Baumkatze zurücklassen musste, ihm das ständige Geratter des Fahr-kartenautomates und sogar die Stimme der Bahnhofsdurchsage fehlte, die ihn regel-mäßig aus seinen Träumen gerissen hatte, fühlte er sich sehr verlassen. Ein gewalti-ges Gefühl stieg in ihm hoch, das er schon von seinem Leben auf dem Bahnhofsvor-platz kannte, wenn er begann, seinen Traum zu träumen. Es war die Angst, die lang-sam von seinen Wurzeln den Stamm entlang, bis hinauf in sein Blattwerk kroch; die Angst, etwas Vertrautes los zu lassen um sich auf eine Reise zu begeben, von der er weder den Weg noch das Ziel kannte.

 

Doch um umzukehren, war es jetzt zu spät, der Zug hatte sich bereits in Bewegung gesetzt. Da er jedoch, um diese Reise antreten zu können, einen Teil seiner Wurzeln hatte zurücklassen müssen, fühlte er sich eines Teils seiner Kraft und Identität be-raubt, und eine innere Stimme flüsterte in seinem Inneren: "Was ist schon ein Bahn-hofsbaum ohne Bahnhof?." Eine langsam stärker werdende Sehnsucht nach dem alten, vertrauten Bahnhof erfasste den Baum ...

 

Die Fahrgeräusche des Zuges jedoch klangen sehr fröhlich und der Bahnhofsbaum hatte das Gefühl, dass es für den Zug nicht wichtig war, welche Bahnstation er als Nächstes erreichen wird, welchen Weg er als Nächstes fahren wird. Vielmehr schien der Zug seine Kraft und Energie aus der Tatsache zu beziehen, einfach nur in Bewe-gung zu sein und weiter fahren zu dürfen, so wie es seine Bestimmung als Zug war. Und der Bahnhofsbaum erkannte durch den Schleier der Angst hindurch, dass er sich auf die Suche begeben musste, seine Bestimmung zu finden.

 

Bedingt durch das dämmrige Licht im Wagen, das gleichmäßige Rattern des Zugs, sowie die ungewohnte Anstrengung, die der Bahnhofsbaum hinter sich hatte, schlief er bald tief und fest ein ... und der Zug der Wünsche, der ja nun wie der Name schon sagt, ein besonderer Zug war, schichte dem Bahnhofsbaum einen besonderen Traum ...

 

Der Baum fand sich in einem nicht sehr einladend aussehenden Raum wieder, in-dem er alles nur schemenhaft erkennen konnte - es schien alles wie in Nebel gehüllt. Sehr wohl fühlte er sich hier nicht. Suchend sah er sich um und entdeckte die Tür, durch die er in den Raum gelangt sein musste. Er rüttelte an ihr, um zurück zu kom-men Die Tür war jedoch fest verschlossen und durch den Nebel vernahm er eine an-fangs noch sehr leise aber dennoch bestimmte Stimme, die ihm zuflüsterte: "Nimm Abschied von etwas, das zu deinem Leben als Bahnhofsbaum gehörte und werde offen für die Dinge, die sich dir offenbaren wollen. Denn nur wenn du bereit bist, dich dem Fluss des Lebens anzuvertrauen, wirst du der Dinge gewahr werden, die das Leben als deine Bestimmung für dich vorgesehen hat - erst wenn du die ver-schlossene Tür hinter dir akzeptierst, öffnet sich vor dir eine andere. Der Baum spür-te, dass sich hinter den soeben vernommenen Worten eine tiefe Wahrheit verbarg und er bemerkte, wie die Angst, die eben noch von seinen Wurzeln langsam den Stamm hinauf gekrochen war, schwächer und schwächer wurde ...

 

In dem Augenblick, als auch das letzte Gefühl von Angst aus seinen Wurzeln entwich und einem Gefühl von Vertrauen Platz machte, sah er einen schwachen Lichtschein in das Dämmerlicht des Raumes fallen, in dem er sich befand ... vor ihm hatte sich eine weitere Tür einen Spaltbreit geöffnet. Eine Tür, die er vorher nicht wahrgenom-men hatte. Der Baum hatte die Tür, die sich vor ihm vor wenigen Augenblicken ver-schlossen hatte vergessen, zu groß war seine Neugier zu erfahren, was die vor ihm befindliche Tür für ein Geheimnis für ihn bereit hielt. Mit klopfendem Herzen öffnete er langsam die Tür, die in einen anderen Raum führte. Vorsichtig trat er ein und sah, dass er sich im Inneren eines Kinos befand.

 

Alle Stuhlreihen waren leer, niemand schien sich für den Film, der auf der großen Leinwand zu sehen war, zu interessieren. Auch der Baum wollte den Raum schon wieder verlassen, als sein Blick auf die Leinwand fiel. Wie gebannt blieb er stehen und starrte auf die, im Zeitraffer über die Leinwand flimmernden Bilder. Er sah, sich als Samenkorn, dann als Keimling, wie er sich mit großer Kraftanstrengung durch den harten, steinigen Boden kämpfte, um die Erdoberfläche und die für ihn lebens-wichtige Sonne zu erreichen. Sah seinen Kampf ums Überleben, und ... wie er den-noch wuchs und immer größer und kräftiger wurde, seine Freude, wenn er nach dem Winter die Blumen wachsen und blühen sah, nahm das gute Gefühl war, wenn die Sonne seine Blätter wärmte, spürte den Regen, der ihn erfrischte und wachsen ließ. Es machte ihn froh, wenn die Menschen unter seinem Blattwerk inne hielten und er ihnen Schatten spenden konnte, wenn die Sonne es zu gut mit ihnen meinte. Oder er schützend seine Zweige über denen ausbreitete, die bei ihm Schutz vor dem Regen suchten. Aber auch die Zeiten, in denen es ihm nicht gut ging, zogen an ihm vorbei. Zeiten, in denen der Regen ausblieb, die Sonne es nicht schaffte, ihn zu wär-men, sah sein Blattwerk, das so licht war, dass er Niemandem der vorbei kam mehr Schatten oder Schutz spenden konnte. Sah die Baumvögel, die sich voller Sehnsucht nach der Freiheit des grenzenlosen Fluges sehnten. All das zog als Film auf der Lein-wand an ihm vorüber und wurde als erlebtes Gefühl noch einmal für ihn lebendig. Er sah Zeiten der Verzweiflung sich abwechseln mit Zeiten der Freude und des Glücks. Er wurde sich bewusst, dass alle Dinge, die er erlebt hatte, zu einem großen komple-xen Gefüge gehörten, wie Zahnräder, die ineinander griffen - und im Gesamtzusam-menhang gesehen, einen Sinn ergaben.

 

Dann gab es einen Szenenwechsel und er erkannte sich in dem Film nicht mehr wie-der. Es dauerte eine Weile, bis ihm klar wurde, das er nun einen Blick in seine Zu-kunft werfen durfte. Zu seinem großen Erstaunen war die Leinwand aufgeteilt in viele einzelne Bilder, wie in einem Fernsehstudio. Jedes dieser Bilder zeigte eine an-dere Version seiner Zukunft und er wusste, dass er sich auf den Weg zu sich selbst begeben musste, um erkennen zu können, welcher der vielen möglichen Zukunfts-wege, sein Schicksalsweg ist. Denn nur auf unserem Schicksalsweg offenbart sich uns der Sinn unseres Lebens ...

 

Zukunftswege gibt es viele, Schicksalswege nur einen. Unseren Schicksalsweg jedoch kennt nur unsere Seele deren Führung wir uns anvertrauen sollten. Um die Signale unserer Seele verstehen zu können, müssen wir uns freimachen von den Zwängen und Einschränkungen der Vergangenheit aber auch von den Sorgen um die Zukunft, Wir müssen Bewusstheit entwickeln für den Augenblick ...

 

Stille muss in unserem Inneren einkehren ... in der Stille offenbart sich unser SEIN ...

 

Als der Bahnhofsbaum am nächsten Morgen erwachte, ging soeben die Sonne auf, ein wunderschöner Tag kündigte sein Kommen an und der Baum spürte, dass sich etwas verändert hatte.

 

Verfasserin: Inge Rohmann-Vater

 

Manchmal gehen wir auf die Suche,

und wissen nicht, was wir suchen,

bis wir wieder da sind,

wo wir begonnen haben

 

- Robert Lax -

 

 

Das Leben ist wie eine Treppe manchmal

 

geht es aufwärts

 

und manchmal geht es abwärts.

 

Schön, wenn man dabei begleitet wird.

 

Eine Beratung ist auf Wunsch auch telefonisch möglich