Geschichten-Weisheiten

 

 

3. Mit dem Herz-Sutra am Zoll

 

Geschichte zum Thema:

Achtsamkeit / Wahrnehmung / Gelassenheit

 

 

 

 

 

Mit dem Herz-Sutra am Zoll 

 

Es ist Abend. Leichter Regen fällt. Die Scheibenwischer schieben Tropfen nach links und nach rechts. Ein langer, anstrengender Tag im französischen Jura liegt hinter uns.

Wir stehen am Schweizer Zoll. Der Beamte winkt einen Wagen nach dem anderen durch. Nur uns hält er an. Ausgerechnet uns! Ich bin beleidigt und schimpfe ihn leise einen "blöden Trubel" (schweizerdeutsch für Dummkopf").

Ob wir Waren bei uns hätten?

Nein, nichts.

Das scheint ihn nicht zu überzeugen. Er dirigiert uns auf einen Parkplatz und  will den Kofferraum sehen.

Ein Unglück bahnt sich an, ich weiß es: Ich verliere mich.

Während wir aussteigen, packt mich von hinten mit voller Wucht der Dämon des Zorns. Die alten Mönche wussten darüber einigen, doch das nützt mir jetzt wenig, der Dämon hat mich bereits im Griff. Ich höre, wie ich ein paar wüste Beleidigungen brummle, während der Beamte meine Taschen durchwühlt. Denn jetzt müssen wir sämtliche Gepäckstücke in eine Baracke schleppen, wo der Zöllner sie im fahlen Licht einer Neonlampe einzeln durchsucht. Ich stehe daneben, strafe ihn mit kalter Verachtung und koche vor Empörung.

Für den Wüstenmönch Evagrius Ponticus ist der Zorn der heftigste aller Dämonen. Er kann einen Menschen auffressen. Wer von ihm befallen wird, soll versuchen, ihn so rasch als möglich wieder abzuschütteln, spätestens aber vor dem Einbruch der Nacht: "Lass die Sonne nicht über deinem Zorn untergehen!", schreibt Evagrius in Anlehnung an ein Wort des Apostels Paulus.

Je länger ich dem Zöllner zuschaue, wie er in meinen Kleidern und im übrigen Kleinkram wühlt, um so merkwürdiger erscheint mir die ganze Szene, fast schon lächerlich. Welch seltsames Theater wird da gespielt? Aber ich bin ja nicht nur Zuschauer, ich spiele mit, in der Rolle des beleidigten Menschen der grollend in der Baracke steht.  Warum rege ich mich eigentlich so auf?

Der Zöllner findet natürlich nichts Verdächtiges, das weiß ich ja längst und genieße mein Gefühl heimlicher Überlegenheit, das allerdings eine Täuschung ist, weil er mir in Wirklichkeit weit überlegen ist. Er lässt sich vom aufgebrachten Reisenden nicht beirren und tut still seine Arbeit.

Was hält er jetzt in der Hand?

Ein dickes Buch, das im Seitenfach der Reisetasche steckt: "Das Herz-Sutra. Aspekte der buddhistischen Weisheitslehre".

Peinlich!

Was denkt der Mann jetzt bloß von mir? Äußerst herzlos war ich, ohne jede Weisheit. Und dann ein solches Buch! Der Kontrast könnte nicht größer sein.

Doch der Zöllner legt es wieder beiseite, es scheint ihn nicht zu interessieren. Dabei steht da wirklich Bedenkenswertes. Zum Beispiel: "Wenn wir unsere Wahrnehmung der Realität nicht zu ernst nehmen und anderen Menschen gestatten, ihre eigene zu haben, gibt es weniger Konflikte.

Schließlich will der Beamte noch meinen Ausweis sehen und verschwindet damit in der Zollstation. Was macht er dort? Sucht er mich im Fahndungscomputer? Fertigt er eine Aktennotiz an? Oder vertrödelt er etwas Zeit, um mich zu strafen?

Nach ein paar Minuten kommt er zurück, drückt mir den Ausweis in die Hand und - ja, ich habe recht gehört - er wünscht uns eine gute Fahrt.

Ich murmle ein verlegenes Danke und steige ein. Wir fahren ab. Hinter uns in der Dämmerung, verschwinden die Lichter der Zollstation ... Lass die Sonne nicht über deinem Zorn untergehen ...

 

aus: Lorenz Marti, Mystik an der Leine des Alltäglichen

 

 

gefunden in: www.neue-wege-4you.de